Genocide Memorial
Meine letzten 1,5 Tage verbrachte ich gemeinsam mit Hanna in Kigali. Wir beide hatten den Wunsch das Kigali Genocide Memorial zu besuchen. Es war für mich eine sehr eindrückliche Erfahrung. Dieser Ort ist ein Denkmal und gleichzeitig die letzte Ruhestätte für etwa 250.000 Opfer des Genozids.
Fotografien, persönliche Gegenstände, Berichte von Überlebenden und Informationen über einzelne Opfer machen deutlich, dass hinter den großen Zahlen einzelne Menschen mit Familien, Hoffnungen und persönlichen Geschichten standen. Vitrinen voller Knochen und Schädel, manche zersplittert von der Wucht einer Machete. Räume voll mit Fotos von den Opfern.
Besonders die Ausstellung über die ermordeten Kinder hat mich schockiert. Kinder mit Träumen, eigenen Vorlieben, Familien und Persönlichkeiten. Auch Erlebnisberichte von Überlebenden und Wiederstandskämpfern bewegten mich tief.
Der Genozid begann im April 1994 und dauerte ungefähr 100 Tage. Auslöser der unmittelbaren Eskalation war am 6. April 1994 der Abschuss des Flugzeugs des ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana. Danach begannen in Kigali und anschließend im ganzen Land systematische Massenmorde. Hauptsächlich wurden Tutsi verfolgt und ermordet, aber auch Hutu, die sich gegen den Genozid stellten, wurden getötet. Neuere UN-Darstellungen sprechen teilweise von mehr als einer Million Opfern.
Der Genozid hatte jedoch eine längere Vorgeschichte. Bereits seit Jahrzehnten bestanden politische Spannungen und Diskriminierungen zwischen Hutu und Tutsi. Deutschland trägt vor allem durch seine frühere Kolonialherrschaft eine historische Mitverantwortung. Während der deutschen und später belgischen Kolonialzeit wurden die Unterschiede zwischen Hutu und Tutsi verstärkt und als feste ethnische Gruppen dargestellt (ähnliche Untersuchungstechniken wie im Nationalsozialismus und Prägung durch den Rasse-Gedanken).
Frankreich unterstützte vor dem Genozid die damalige ruandische Regierung und war militärisch in Ruanda engagiert. Die USA und andere westliche Staaten griffen 1994 trotz der zunehmenden Gewalt nicht entscheidend ein. Auch die UNO reagierte zu spät und reduzierte sogar ihre Friedenstruppen, obwohl sich die Situation immer weiter verschärfte. Bis heute hat sich Deutschland nicht für seine Teilschuld entschuldigt. Das war für mich besonders hart. Als Deutsche vor dieser Tafel stehend zu wissen, dass es auch heute schon wieder menschenverachtende politische Ansichten und Tendenzen in unserem Land gibt.
Nach dem Besuch blieb bei mir vor allem ein Gefühl von Trauer und Nachdenklichkeit zurück. Gleichzeitig wurde mir klar, wie wichtig Erinnerung ist. Ein Genozid entsteht nicht plötzlich aus dem Nichts, sondern durch Diskriminierung, Propaganda, Entmenschlichung und politische Radikalisierung, die oft schleichender passieren, als uns bewusst ist. Die wichtigste Botschaft des Museums ist deshalb für mich: Erinnern bedeutet nicht nur, die Opfer zu ehren, sondern auch Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft zu tragen.
Die Frage, "When they said 'never again' after the Holocaust, was it meant for some people and not for others?" (Als sie nach dem Holocaust „Nie wieder“ sagten – war das für manche Menschen gemeint und für andere nicht?) ist eine eindrucksvolle Wandinschrift von Apollon Kabahizi, die im Kigali Genocide Memorial in einer der Hallen in verschiedenen Sprachen ausgehängt ist.
Eine Konfrontation mit dieser schmerzhaften Frage, nämlich warum die Welt bei Massenverbrechen oft tatenlos zusieht, und wie es passieren kann, dass menschliches Leben je nach Herkunft oder Identität unterschiedlich bewertet wird, erscheint mir heute eine elemetare Frage zu sein.