Heute war der Abschluss-Tag von unserm ersten Mountain-Kurs, den 10 junge Frauen miterlebten. (Drei wussten es leider nicht und kamen folglich erst am Nachmittag.)
Der Start war ziemlich chaotisch, weil unsere Übersetzerin mitten im Kurs gehen musste. Wir hatten das unzureichend abgesprochen. Zum Glück sprang nach einer kurzen Pause dann die Zoe ein, die nicht nur übersetzte, sondern auch ausgiebig erklärte und eigene Beispiele ergänzte.
Als Eva in einem Satz mit erwähnt, dass ja jeder Mensch Probleme hätte, gibt es eine Rückfrage. "... Abazungu." Viel verstehen wir nicht, nur dieses Wort, was wir auf unserer Reise ja nun schon häufiger hörten, meistens verbunden mit freundlichem Lächeln und Winken. "Sie glauben nicht, dass die Abazungu (die Weißen) auch Probleme haben.", erklärt uns Zoe. "Sie wollen wissen, welche Probleme Abazungu hätten." Die Rückfrage überrascht mich und fordert mich ordentlich heraus. Was sollte ich ihnen antworten? ... Was würdest du ihnen antworten?
Diesen 10 jungen Frauen, die vor dir sitzen. Die sich vermutlich jeden Tag körperlich anstrengen, um ihre Grundbedürfnisse zu stillen. Ihre und die ihrer Familien. Für die das Wort "Hunger" vermutlich nicht nur bedeutet, dass die Pause zwischen zwei üppigen Mahlzeiten am selben Tag etwas länger dauert als gewohnt. Was antwortest du ihnen, den Menschen, für die eine Solar-Lampe (Wert: 10€) ein so hoher Luxusgegenstand ist, dass sie ihn vermutlich verkaufen würden, um mit dem Geld dringendere Probleme zu lindern - an einem Ort ohne Stromanschluss.
Von welchen Problemen sollte ich ihnen also erzählen?
Ich versuchte, ihnen von emotionalen Herausforderungen zu erzählen, von Gefühlen anderer, die sich mit den eigenen mischten... Sie verstanden, was ich meinte, sahen Emotionen jedoch absolut nicht als Problem. Dass es auch in Deutschland Menschen gibt, die auf der Straße leben, konnten sie kaum glauben... und erst recht nicht verstehen. Als ich schließlich versuchte, ihnen Isolation zu erklären (als Gegensatz zu dem hier vermutlich deutlich stärker ausgeprägten Gemeinschaftsgefühl), wunderten sie sich nur, wie seltsam doch die Deutschen seien. Ich zeigte auf das Heft zum Kurs. All diese Themen: der Selbstwert, das Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten,... Das geht uns Deutschen genauso.
Ich überlegte, ob nicht ein großes Problem einfach darin besteht, dass vielen Deutschen nicht bewusst ist, dass sie keine Probleme haben. Ob es vielleicht reichen würde, die Augen zu öffnen? Gleichzeitig verstand ich in diesem Moment, dass es wohl das Fehlen eigener Probleme solcher Dimension ist, dass uns die Energie gibt, auch Probleme anderer so intensiv anzusehen und loszugehen....
Von der Bahn, die wenige Minuten Verspätung hat, konnte ich ihnen doch wohl unmöglich berichten. Ebenso wenig wie von einer kaputen Kaffeemaschine, die durch das eigene Budget problemlos ersetzt werden kann... Oder sollte ich ihnen sagen, dass wir Deutschen teilweise so viele Dinge besitzen, dass wir es als Problem sehen, darin den Überblick zu behalten? Oder so viele Optionen, so viel Freiheit haben, dass wir davon überfordert sind, zwischen ihnen zu wählen? ... Diesen Menschen mit so deutlich weniger Optionen und kaum Gegenständen im eigenen Haus.
Auf die Idee einer unfüllten Liebe oder so kam ich in dem Moment nicht. Ob sie das wohl verstanden hätten? Eva zeigt auf, dass auch wir einige Dinge nicht in der Hand haben, wie Krankheit oder Tod...
Was hättest du diesen jungen Frauen gesagt? Welche Probleme haben wir Abazungu? Und welche davon würden sie wohl auch als 'Probleme' identifizieren? (Ich bin tatsächlich auf eure Antworten gespann!!)
Diese Frage schwebte mir also noch den ganzen Nachmittag durch den Kopf, während ich einen gehörigen Berg Wäsche mit so wenig Wasser wie möglich zu reinigen versuchte. Ja, drei Menschen können tatsächlich mehr Schmutzwäsche produzieren als zwei. Und ja, Evas weiße T-Shirts, die sie aus unerklärlichen (und irgendwie Sonnenschutz - Temperatur - technischen) Gründen mitgenommen hat, sind immer am pflegeaufwändigsten, sieht man da doch wohl am besten, wie viel vom staubigen Boden an ihren klebt. Bei jenem Waschfest jedenfalls kreisen meine Gedanken noch viel um diese Frage.... Welche Probleme haben wir?
Da Eva und Katja gerade mit den anderen die Kleidung für die Hochzeit aussuchen, bin ich also mit dem Wäscheberg allein, ehe mich Annick schließlich - nach Einbruch der Dunkelheit - unterstützt. Das erste mal auf unserer Reise wird Evas kurze Jeans wieder so sauber, als wäre sie eine Runde in einer deutschen TÜV-geprüften Waschmaschine mitgefahren. Annick zeigt mir so manche Tricks und bläut mir eindringlich ein, dass Eva das Sitzen auf dem dreckigen Boden in Zukunft einstellen sollte: "She really has to control herself!" ("Sie muss wirklich lernen, sich zu kontrollieren!“)