Ankommen, Umwerfen und dann wieder Beginnen

Liebe(r) Interessierte(r), seit dem letzten Rundbrief ist einige Zeit ins schöne Land gegangen und so gibt es auch einiges zu berichten! Die letzten Tage waren für uns von Abschied (von der Freiwilligen Fuka und unserer problemlos-harmonischen Zeit als kleines Team), Ankunft (von der Freiwilligen Jen, Johns Freundin Zoe und unserer Freundin Katja), einigen kleinen Erschütterungen (sowohl was die gemeinsame Zeit als großes Team hier, aber auch unsere Projekt und was es alles beinhaltet) und in der neuen Spur zurechtfinden und dann wieder volle Fahrt aufnehmen, geprägt. So schreiben wir nun also auch zu dritt für euch und hoffen, ihr findet euch gut in diesen, unseren längsten bisherigen Newsletter ein.

 

Wie immer empfehlen wir dringlichst, ihn auf dem Computer oder Laptop zu öffnen. Außerdem ist uns durchaus bewusst dass ihr hier eine kleine Enzyklopädie (nur nicht ganz so lehrreich) vor euch liegen habt, fühlt euch also frei auch Teile zu überspringen bzw. nur die Bilder zu genießen. Am Schluss findet ihr auch nochmal eine kurze Zusammenfassung mit den wirklich zum Projekt relevanten Infos. Und nun macht euch einen Tee oder öffnet eine kühle Fassbrause (keine Ahnung wie das Wetter in Deutschland gerade ist) und viel Freude!

Auch wenn einige Menschen vermutlich glauben, dass es einer Mathematikerin nicht passieren kann, ist es doch geschehen: Wir haben uns verkalkuliert. Eine Sache haben wir tatsächlich über-, dafür eine andere völlig unterschätzt bevor wir die Reise antraten.


Wir überschätzten, wie viel unser eigenes Projekt tatsächlich kosten wird. Der Copyshop wollte unsere Arbeit unterstützen und hat für den neuen Druck wieder unter der Hälfte vom ursprünglichen Preis verlangt, die Periodentassen bekamen wir zum Selbstkostenpreis und die Solar-Lampen werden wir nun doch nicht bestellen.


Die Idee, in einer Region ohne Stromanschluss mit hoher Sonneneinstrahlung, Solar-Lampen anzubieten klang für uns enorm passend. Ein lukratives Angebot von bright-products war bereits vorhanden und wir auf den letzen Metern, es zu bestätigen als Zoe (eine der Leiterinnen der Organisation, die nun auch mit da ist) anmerkte, dass die Lichtquelle nicht den dringendsten Bedürfnissen entsprach. Neben anderen Gründen hat uns vor allem ihre Sorge überzeugt, dass die Lampen von den Familien wohlmöglich weiterverkauft werden, um zunächst die vordergründigen Nöte wie Hunger zu lindern. Vermutlich sogar zu einem Spottpreis, der unter unserer Investition liegt. Das ist natürlich nicht unser Wunsch. Doch zurück zum Thema...
Da es scheinbar meine Mentalität ist, Kosten zu reduzieren und viel des geplanten Projektes vor allem durch unser eigenes Tun lebt, sind die Ausgaben dafür überschaubar geblieben. Die Bestellung der über 200 Menstruationstassen ist nach wie vor der größte Ausgabe-Posten für uns. Doch die Summe dafür, welche sich zu Beginn noch schaurig hoch anfühlte ist inzwischen nur ein Teil von unserem verfügbaren Budget.


Etwas anderes haben wir nämlich gleichzeitig völlig unterschätzt: Euch!!! Wir unterschätzten, wie enorm viel Unterstützung und eben auch finanzieller Art wir bekommen werden.
Kurzum: Wir haben nun die Möglichkeit in dieser Region noch mehr zu bewirken als wir ursprünglich zu hoffen gewagt hatten. Und ja, mit "wir" meine ich "uns". Nicht nur uns drei hier vor Ort, sondern auch jede und jeden, der und die sich durch Interesse an unserem Tun, Weitererzählen, Nachrichten senden, Nachfragen, Fragen beantworten, Material raussuchen, Finanzierung oder in welcher Form auch immer mit unserem Projekt verbunden fühlt. Danke!! Danke an alle, die Teil davon sind und dies alles ermöglichen. Danke, dir!

 

Es fühlt sich manchmal an wie eine Tür die wir öffnen dürfen, manchmal ganz einfach durch das Drücken einer Klinke, ein ander Mal mit einem festen Fußtritt verbunden, nur um dann in einen noch größeren Raum voller neuer Optionen zu treten. Ohne dass die ersten Räume nicht Teil unseres Weges sind, sie sogar weiterhin voller Leidenschaft betreten werden. Es kommen aber immer mehr neue Option der nachhaltigen Unterstützung der Frauen vor Ort dazu, was ja von Anfang an unsere Sehnsucht war. Wie ausgeprägt wir den unterschiedlichen Optionen (dazu weiter unten im Rundbrief mehr!) dieser neuen Räume nachgehen können, hängt aber auch mit unserem verfügbaren Kapital zusammen. Wir sind also weiter gespannt :)

 

Und was hier so simpel klingt, was sich so einfach liest, war natürlich auch für uns alle ein Prozess. Ein Prozess, der viel Austausch (erst vor allem mit den lokalen Leitern, dann auch für uns im Team), der Loslassen von eigenen Ideen + Vorstellungen und eine Neu-Sortierung und -Ausrichtung brauchte. So findet nun beispielsweise unser Englisch-Kurs nicht in gewohnter Weise weiterhin statt... Den neuen Zustand empfinde ich als stabil und tatsächlich in einigen Punkten besser als zuvor. Die Phase dazwischen war durchaus auch anstrengend und fordernd für uns. Ich kenne sie aus meinem Leben bereits viel zu gut und nenne sie gern die "Chaos-Phase"

Wie versprochen wollen wir auch in diesem Newsletter eine Person von hier vorstellen. Im heutigen Newsletter für euch also:             Unser singender Nachbar 

Ein 50-70jähriger Mann (so genau ist das nicht zu sagen, die Haare sind noch nicht vollends weiß, der Gang mithilfe eines Stockes aber ausgesprochen schlecht), der an der anderen Straßenseite lebt. Schon bevor wir ihn das erste Mal, damals mit John und der Freiwilligen Fuka gemeinsam, besuchten, hörten wir ihn abends manchmal musizieren. Vor einiger Zeit hatte John ihm ein traditionelles Instrument geschenkt (am ehesten mit einer verzauberten Gitarre zu vergleichen), dem er, mit seinen von Alter und harter Arbeit gezeichneten Händen, wundervolle Töne entlockt. Dazu sitzt er unter einer einzigen kleinen Funzel, anders ist die Lichtquelle nicht zu bezeichnen, und singt, dass es wie eine alte, klagende Weise voller Sehnsucht klingt. 

John erzählt uns, dass die Musik ihm am Abend gegen die Einsamkeit helfe und der Mann selbst berichtet, dass früher die Großeltern so ihre Enkel in den Schlaf sangen. Für uns also eine besondere Ehre, von dem Herrn stets freundlich herein gebeten zu werden, wenn die Musik uns anlockt. Auch auf der Straße begrüßt er uns stets freundlich, wobei ich mir unsicher bin, ob ihm klar ist, dass wir außer den Begrüßungsformeln und „Murakozy!“ (=danke), die wir zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit verlauten lassen, nicht verstehen, was er uns so alles erzählt. 
Wir kennen seine familiären Hintergründe nicht und warum er (was in dieser gemeinschaftsorientierten Gesellschaft ungewöhnlich ist) allein lebt. Gedanken an einen möglichen Zusammenhang zum Genozid 1994 kommen mir natürlich schon oft, ob seines Alters hat er in der Zeit ja bereits gelebt. 
Ein anderes Mal, als wir über unseren Nachbarn sprachen, erwähnte John auch, dass er nicht immer die Musik, sondern manchmal auch den Alkohol als Mittel gegen die Einsamkeit wählt. Umso glücklicher sind wir also, wenn wir am Abend seine Stimme hören.

 

Ihr kennt das ja schon. Neue Farbe - neue Perspektive :) Nun schreibe also ich, Katja, immer in rot. 

 

Ach wo fange ich überhaupt an. Jen fragte mich am 2. Tag nach meiner Ankunft: "Doesn't it feel like you've been here forever?" („Fühlt es sich nicht so an als wärst du schon für immer hier gewesen?“) Ja, dem konnte ich auch am zweiten Tag schon vollkommen zustimmen. 

Nach meinen letzten Abgaben für dieses Semester habe ich mich mit einem kurzen Aufenthalt in Amsterdam auf den Weg nach Ruanda gemacht. Der Abflug hatte sich nochmal um zwei Stunden verzögert da einer der beiden Öfen für das warme Essen im Flugzeug ausgefallen war. Demnach mussten auch die Abholpläne überarbeitet werden. Eva ist also allein nach Kigali gereist um mich abzuholen. Währenddessen stecke ich noch in diversen Sicherheitskontrollen fest. Die sind überall auf der Welt eine ernste Angelegenheit aber hier wurde mir klar, dass alles in einem entspannterem Tempo stattfand. Als ich dann die Sorge um mein Visum endlich loswurde - ich hatte nähmlich nur eine Bezahlungsbestätigung anstelle eines Dokumentes - musste ich noch 2 Stunden auf Udo Kollege Schnürschuh - unseren 22,8 kg schwerern Kofferlaubtes Maximalgewicht 23kg) warten. Überglücklich empfing ich ihn nach aller Wartezeit als ich dann noch genau eine Ecke von Eva entfernt war, wurde ich doch noch einmal von einem Flughafen Mitarbeiter abgefangen, weil der Koffer ein gelben Marker hatte.

Ich wurde in einen etwas fragwürdigen Zwischenraum geführt und musste meinen Koffer öffnen. Der Mitarbeiter stocherte etwas darin herum und ich erklärte ihm, dass da ein Schlauchboot und Paddel drin seien (Plastiktüten sind übrigens verboten in Ruanda und deswegen war ich mir unsicher ob Plastikboote unter die selbe Kategorie fallen).  Als dann alle Klarheiten beseitigt worden waren, durften Udo und ich endlich den Flughafen verlassen, wo wir schließlich auch Eva in die Arme schließen konnten. Die Nacht verbrachten wir gemeinsam am Flughafen und wurden sogar von netten, leicht besorgten Mitarbeitern geweckt und befragt ob wir jemanden hätten und ob alles gut sei. Kurz nach 4 Uhr machten wir uns auf den Weg nach Kayonza. Die Landschaft hier ist wirklich atemberaubend! Vor allem wenn man dabei auf einem Motortaxi sitzt und die Gedanken einfach schweifen lassen kann.

Was auch nicht auf meiner Bingo-Karte für die Zeit hier stand war, dass ich vor 16 verunsicherten zukünftigen Tourguides eine Panikattacke spielen würde. 
Jen, eine Freiwillige aus dem UK, die am vorletzten Donnerstag hier angekommen ist, hat in der vergangenen Woche „Kommunikation“ mit der Klasse drangenommen. Sie hat schon in Südafrika als Tourguide eines Nationalparks gearbeitet (und sonst auch schon in so ziemlich jedem außergewöhnlichen Beruf), Psychologie studiert und ist schon allein aufgrund ihres Fachwissens ein echter Glücksgriff für die Organisation. Wenige Tage vor ihrer Ankunft hatte sie spontan den Flug gebucht. Sie ist aktuell Highschool-Lehrerin in London die die ersten zwei Wochen der Ferien durchgeschlafen habe, danach habe der Tatendrang sie aber erfasst. So habe sie also überlegt, dass ihr irgendwo in Griechenland am Strand liegend auch schnell langweilig werden würde, also könnte sie auch etwas Sinnvolles tun. Also kam sie her und involviert uns weiterhin gern in ihren Unterricht der schon im vergangenen Newsletter erwähnten Tourguides. Nicht zuletzt also auch beim Thema „Nonverbale Kommunikation“, für dass ich nun diverse Situationen „im Safariauto sitzend“ versuchte sprachfrei darzustellen, vom starken Toilettengang-Bedürfnis bis zur großen Übelkeit. Die Klasse durfte dann ihre Beobachtungen und Interpretationen teilen und überlegen, was im jeweiligen Fall zu tun sei. Nicht zuletzt kam auch Katja als Unterstützung dazu. Gemeinsam stellten wir also auch verschiedene Situationen dar, vom eskalierenden Streit bis zum frisch verliebten Pärchen, bei dem ein Tourguide erörterte: „Just let them do, what they are doing.“ („Lass sie einfach tun, was sie nun mal tun“.) Morgen darf ich mit Hannas Unterstützung wohl auch nochmal meinen Input zu Proaktivität bei ihnen halten. Darauf freue ich mich sehr, war dies doch auch das letzte Thema im ersten Kurs mit den Mädchen und jungen Frauen, dass uns gemeinsam nochmal anders in die Tiefe führte. Außerdem ist das auch das erste Thema, dass ich schon seit dem vergangenen Herbst auf dem Herz hatte und so macht es mich schon glücklich, dass es nun tatsächlich Teil unseres Tuns hier ist.

Um euch nun auch nochmal in den aktuellen Stand zu unserem Kurs mitzunehmen, hier ein kleiner Überblick: Der von uns in Deutschland als 8tägig-erträumte Kurs startete ja direkt am zweiten Tag unseres Ankommens hier mit ca. 18 Mädchen und jungen Frauen von 15-25 Jahren. In diesem geht es, mithilfe von erlebnis- und theaterpädagogischen Herausforderungen unterstützt, um Themen der Persönlichkeitsentwicklung und schlussendlich darum, die Teilnehmerinnen in ihrem persönlichen Wachstum und auf dem Weg zu ihren Zielen hin zu unterstützen. Statt der 8 Tage hatte John allerdings vorerst drei für uns organisiert, einfach auch, weil die Teilnehmerinnen jetzt in ihren Ferien dennoch viel in ihren Familien gebraucht werden.
Für uns bedeutete das vorerst mit dem Rotstift zu überlegen, welche Themen wir als am wichtigsten empfanden. Etwas mehr gemeinsame Zeit blieb uns dann doch. Beim Gespräch über die Träume der jungen Frauen und wie wir diese unterstützten könnten fiel uns auf, dass für das Erreichen vieler dieser Träume gute Englischkenntnisse von Nöten sind. Als Hanna dann an einem Tag der sog. „Mountain-Lecture“ (so nennen wir den Kurs liebevoll, da das Titelbild einen von Katja designten Berg beinhaltet und es darum geht, wie frau diesen erklimmen kann) kurzfristig erkrankte, begann also spontan unser Englischkurs. Diesen führten wir dann bis zu dieser Woche, neben einigen zusätzlichen Mountain-Lectures, weiter. Die Teilnehmerinnen hatten selbstständig nachgefragt, wann es denn mit dem Berg weiterginge. In eben diesen Kursen verteilten wir auch die ersten Periodentassen, was mit der Aufklärung und dem Gespräch zum Thema auch immer einige Zeit in Anspruch nahm. 
Da wir noch gedruckte Hefte für einen zweiten Kurs vorrätig haben und gern noch mehr Menschen erreichen wollen, würden wir nun gern bald einen zweiten Durchlauf mit neuen Teilnehmerinnen starten. Die Organisation obliegt Zoe und John, jedoch sind wir optimistisch, dass es bald losgehen kann, da mir ja nun gar nicht mehr allzu viel Zeit bleibt. Der Englischkurs endet in dieser Form erstmal. Einige waren wirklich sehr motiviert dabei, jedoch hat Zoe nochmal einige Schwierigkeiten angesprochen. Vor allem ist der Informationsaustausch wirklich herausfordernd. Dass die Teilnehmerinnen ein Telefon haben ist die rühmliche Ausnahme, sie wohnen teilweise weit entfernt. Da die Kurse „zum Selbstläufer wurden“ und durch das Interesse der Anwesenden immer weitergingen, jedoch anders, als zu Anfang organisiert, wurden die Informationen über die nächsten Termine nur im Kurs selbst weitergeleitet. Wir erwähnten zwar immer wieder „Sagt den Anderen bitte Bescheid, wenn ihr sie seht!“, aber wer fehlte, der fehlten teilweise bestimmt auch die Informationen zu den nächsten Zeiten der Kurse und dass es überhaupt weiterging, sodass wir meist auch deutlich weniger als die anfänglichen 18 waren. So ist ein Teil der Lösung auch, dass die Teilnehmerinnen, die weiterhin englisch lernen möchten dem neugegründeten Englischkurs für Erwachsene beitreten dürfen, den wir während unserer verbleibenden Zeit hier auch noch lehrend unterstützen werden. Gestern war bereits der erste Termin mit allen gemeinsam und wir waren auch ein wenig stolz auf „unseren“ Teil der Gruppe, der nun also doch schon etwas weiter als die wissbegierigen Erwachsenen war. In diesem Kurs können dann auch die mit Katja angekommenen Materialen zum Englischlernen (bereits jetzt gern gespielte „Vokabel-Dominos“ sowie 20 Bilder-Wörterbücher) weiter genutzt werden. Wir bemühen uns allerdings auch in unserer Zeit hier noch, diese gut im Unterricht zu etablieren, sodass die Lernenden und vor allem Lehrenden fit im Umgang mit den Materialen sind.

Heute war der Abschluss-Tag von unserm ersten Mountain-Kurs, den 10 junge Frauen miterlebten. (Drei wussten es leider nicht und kamen folglich erst am Nachmittag.)


Der Start war ziemlich chaotisch, weil unsere Übersetzerin mitten im Kurs gehen musste. Wir hatten das unzureichend abgesprochen. Zum Glück sprang nach einer kurzen Pause dann die Zoe ein, die nicht nur übersetzte, sondern auch ausgiebig erklärte und eigene Beispiele ergänzte.


Als Eva in einem Satz mit erwähnt, dass ja jeder Mensch Probleme hätte, gibt es eine Rückfrage. "... Abazungu." Viel verstehen wir nicht, nur dieses Wort, was wir auf unserer Reise ja nun schon häufiger hörten, meistens verbunden mit freundlichem Lächeln und Winken. "Sie glauben nicht, dass die Abazungu (die Weißen) auch Probleme haben.", erklärt uns Zoe. "Sie wollen wissen, welche Probleme Abazungu hätten." Die Rückfrage überrascht mich und fordert mich ordentlich heraus. Was sollte ich ihnen antworten? ... Was würdest du ihnen antworten?


Diesen 10 jungen Frauen, die vor dir sitzen. Die sich vermutlich jeden Tag körperlich anstrengen, um ihre Grundbedürfnisse zu stillen. Ihre und die ihrer Familien. Für die das Wort "Hunger" vermutlich nicht nur bedeutet, dass die Pause zwischen zwei üppigen Mahlzeiten am selben Tag etwas länger dauert als gewohnt. Was antwortest du ihnen, den Menschen, für die eine Solar-Lampe (Wert: 10€) ein so hoher Luxusgegenstand ist, dass sie ihn vermutlich verkaufen würden, um mit dem Geld dringendere Probleme zu lindern - an einem Ort ohne Stromanschluss.


Von welchen Problemen sollte ich ihnen also erzählen?


Ich versuchte, ihnen von emotionalen Herausforderungen zu erzählen, von Gefühlen anderer, die sich mit den eigenen mischten... Sie verstanden, was ich meinte, sahen Emotionen jedoch absolut nicht als Problem. Dass es auch in Deutschland Menschen gibt, die auf der Straße leben, konnten sie kaum glauben... und erst recht nicht verstehen. Als ich schließlich versuchte, ihnen Isolation zu erklären (als Gegensatz zu dem hier vermutlich deutlich stärker ausgeprägten Gemeinschaftsgefühl), wunderten sie sich nur, wie seltsam doch die Deutschen seien. Ich zeigte auf das Heft zum Kurs. All diese Themen: der Selbstwert, das Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten,... Das geht uns Deutschen genauso.


Ich überlegte, ob nicht ein großes Problem einfach darin besteht, dass vielen Deutschen nicht bewusst ist, dass sie keine Probleme haben. Ob es vielleicht reichen würde, die Augen zu öffnen? Gleichzeitig verstand ich in diesem Moment, dass es wohl das Fehlen eigener Probleme solcher Dimension ist, dass uns die Energie gibt, auch Probleme anderer so intensiv anzusehen und loszugehen....


Von der Bahn, die wenige Minuten Verspätung hat, konnte ich ihnen doch wohl unmöglich berichten. Ebenso wenig wie von einer kaputen Kaffeemaschine, die durch das eigene Budget problemlos ersetzt werden kann... Oder sollte ich ihnen sagen, dass wir Deutschen teilweise so viele Dinge besitzen, dass wir es als Problem sehen, darin den Überblick zu behalten? Oder so viele Optionen, so viel Freiheit haben, dass wir davon überfordert sind, zwischen ihnen zu wählen? ... Diesen Menschen mit so deutlich weniger Optionen und kaum Gegenständen im eigenen Haus.


Auf die Idee einer unfüllten Liebe oder so kam ich in dem Moment nicht. Ob sie das wohl verstanden hätten? Eva zeigt auf, dass auch wir einige Dinge nicht in der Hand haben, wie Krankheit oder Tod...


Was hättest du diesen jungen Frauen gesagt? Welche Probleme haben wir Abazungu? Und welche davon würden sie wohl auch als 'Probleme' identifizieren? (Ich bin tatsächlich auf eure Antworten gespann!!)


Diese Frage schwebte mir also noch den ganzen Nachmittag durch den Kopf, während ich einen gehörigen Berg Wäsche mit so wenig Wasser wie möglich zu reinigen versuchte. Ja, drei Menschen können tatsächlich mehr Schmutzwäsche produzieren als zwei. Und ja, Evas weiße T-Shirts, die sie aus unerklärlichen (und irgendwie Sonnenschutz - Temperatur - technischen) Gründen mitgenommen hat, sind immer am pflegeaufwändigsten, sieht man da doch wohl am besten, wie viel vom staubigen Boden an ihren klebt. Bei jenem Waschfest jedenfalls kreisen meine Gedanken noch viel um diese Frage.... Welche Probleme haben wir?
Da Eva und Katja gerade mit den anderen die Kleidung für die Hochzeit aussuchen, bin ich also mit dem Wäscheberg allein, ehe mich Annick schließlich - nach Einbruch der Dunkelheit - unterstützt. Das erste mal auf unserer Reise wird Evas kurze Jeans wieder so sauber, als wäre sie eine Runde in einer deutschen TÜV-geprüften Waschmaschine mitgefahren. Annick zeigt mir so manche Tricks und bläut mir eindringlich ein, dass Eva das Sitzen auf dem dreckigen Boden in Zukunft einstellen sollte: "She really has to control herself!" ("Sie muss wirklich lernen, sich zu kontrollieren!“)

Zu diesem Bild möchte ich, einfach weil geteiltes Leid halbes Leid ist erwähnen, dass ALLE der anwesenden Personen beim Ausleihen der traditionellen Kleidung für die Hochzeit, der wir beiwohnen durften, immer wieder betonten, dass es NOCH NIE eine Schaufensterpuppe gegeben hätte, die einer echten Person SO ähnlich sehen würde, wie diese beiden mir. Nur um einmal zu zeigen, mit welch fragwürdigen Aussagen man auf einer solchen Reise noch so konfrontiert ist...

Trommelnde Frauen in Afrika - nichts besonderes möchte man meinen. Erst an dem Morgen, als wir sie das erste Mal sehen durften, erfuhren wir, dass es sich hierbei jedoch um einen Tabubruch handle. Viele Jahrhunderte lang war dies nämlich nur den Männern vorbehalten, unter anderem weil es hieß, Frauen seien dafür zu schwach.
An diesem Morgen machten sich jedoch die Frauen laut und zwar mit durchaus kraftvollen Klängen. John erklärte, dass es erst eine Veränderung im Denken brauchte, ehe dieses Projekt Realität werden konnte. Nun werden die traditionellen Klänge, Gesänge und Tänze immer wieder dargeboten und dienen auch der inneren Heilung. Laute Schreie sind mitten in der Musik immer wieder zu hören. Für einen Einblick könnt ihr gern auf unserer Webseite unter "Projekt" vorbei schauen (Link unten in der Mail) oder natürlich auf Instagram. Nur nochmal zur Klärung: Es handelt sich um ein Projekt der Hirwa Children Foundation, das wir ebenfalls sehr unterstützenswert empfinden

Ein weiteres Erlebnis, dass wir wohl alle nicht so bald vergessen werden, ist die erste ruandische Hochzeit die wir besuchen durften. Schon am Tag zuvor fuhren wir extra mit dem Moto-Taxi und Bus nach Kayonza um dort traditionelle Hochzeitsgewänder für uns Frauen und einen Anzug für John auszuleihen. Für ein Hochzeitsgeschenk legten wir zusammen und kauften es auch gleich im Markt ein, wo es in einem extra Laden für solche Zwecke eingepackt wurde. Dass das Paar erst in der Nacht nach der Hochzeit den gemeinsamen Wohnraum bezieht ist sehr üblich, sodass die meisten Geschenke Haushaltsgegenstände beinhalten. Wie auszuschließen ist, dass das Paar am Ende nicht mit 5 Herdplatten und ohne eine einzige Decke dastehen würde, verstanden wir aber noch nicht ganz. 


Am Samstag sollte es dann also morgens losgehen. Der Aufbruch unterschied sich für mich in seiner unkoordinierten Hektik nur wenig von dem an einem heimatlichen Familienfest. Mit dem Unterschied, dass der Start um 9 Uhr, als afrikanisch angesetzte Zeit, wie die Freiwillige Jen es immer nennt, sich selbstverständlich um Stunden nach hinten verschob, was schlussendlich aber auch gar kein Problem darstellte. Seit 9 Uhr hatten die ersten Zeremonien im aufwendig geschmückten Festzelt begonnen (die Bräutigamsfamilie musste der der Braut beispielsweise 1-2 Kühe schenken) und selbst als wir gen Mittag dazustoßen, schienen verschiedene Übergaben mit vielen Worten noch voll im Gang zu sein. 

Katja ging es leider im Laufe des Tages gesundheitlich immer schlechter ging. Wie einst Hanna hatte sie sich in der Nacht zuvor übergeben, fühlte sich vorerst wieder fit, musste dann aber doch vorzeitig das Fest verlassen. Dass es bei ihr ebenfalls am Essen hier lag können wir uns kaum vorstellen, da sie und ich exakt das Gleiche zu uns genommen hatten. Also entweder mein Magen ist stählern, oder (wovon wir eher ausgehen) es war doch etwas anderes. Alsbald ging es ihr aber wieder besser, sodass wir froh und dankbar sind, dass auch diese Krankheit überstanden ist. Nach einem Mittagessen am Buffet (das hier üblicherweise nie mehr als einmal aufgesucht wird, nichts mit „All you can eat“ ;)), traten die über 300 Gäste den Weg zur 20 Minuten entfernten Kirche an. 20 Minuten mit dem Auto entfernt - wie die allermeisten Gäste, die ja kein Auto besaßen den Weg ohne absolvierten, ist mir unklar. 

Ich vermute, per Bus und Moto-Taxi. So oder so war aber genug Zeit, da der Teil der Vermählung, der in der Kirche stattfand auch um die 3 Stunden dauerte. Für den Gottesdienst wechselten viele Gäste (wie auch das Brautpaar) in ihr zweites Outfit, nur um für den anschließenden dritten Teil in der ersten Location ein drittes zu präsentieren. Darauf waren wir natürlich nicht vorbereitet, wir überlegten kurz, untereinander zu tauschen. John war besonders über die Blaskapelle der Polizei hocherfreut. Da der Bräutigam Polizist ist, war die ganze Feier von polizeilichen Zeremonien begleitet - für uns wirkte alles erstaunlich förmlich. 

 

 

Ich hatte am gesamten Tag natürlich zwei Ziele klar anvisiert: Tanzen & Kuchen. 

 

Allerdings machen wir hier häufiger die Erfahrung, dass die von uns anvisierten Ziele am Ende des Tages nicht umgesetzt werden. So nehmen Hanna und ich schon seit einigen Tagen vor, endlich mal wieder Haare zu waschen… Nun ja, die Freude auf eine Dusche steigt.
Ob ich also meine Tagesziele erreichte? Mais o menus. (portugiesisch für mehr oder weniger). Da die gesamte Hochzeit mit Musik unterlegt war, nutzte der Partytisch neben uns einmal eine 10minütige Pause um die Hüften zu schwingen, wozu Hanna und ich uns alsbald anschlossen. Leider wurde aus meiner anvisierten Nacht voller Tanz nichts. Die offiziellen Geschenkübergaben am Abend nahmen so viel Zeit ein, dass wir uns alsbald danach auf den Heimweg machten, vor möglichem ersehnten Tanzteil.

Die Geschenkübergabe selbst war auch ein Erlebnis für sich. Die „Hirwa Children Foundation“ wurde vom ambitionierten Moderator aufgerufen. Hanna sprang sogleich übermotiviert auf, bereit, unser überdimensionales Geschenk (die Bettwäsche die wir unter anderem schenkten wirkte ihm verpackten Zustand natürlich besonders imposant) zu überreichen. Jen war über den Programmpunkt weniger erfreut und unterlegte ihn mit geflüsterten englischen Flüchen.

 Wohl nicht nur deshalb, weil der Moderator ihr wenig davor offeriert hatte, er wolle unbedingt eine „Frau wie sie“ heiraten und ihr diesen Wunsch immer wieder kommunizierte. Auch die Blicke der gesamten Festgesellschaft waren ihr wohl eher unangenehm, komisch ;)  John war ganz damit beschäftigt, Hanna im Zaum zu halten. Sollte das Geschenk doch im gemäßigt-feierlichen Gang gebracht werden. Und ich? Tja, ich war wie so oft hochkonzentriert darauf, all das Lachen, dass sich in mir, ob der obskuren Situation ansammelte, für mich zu behalten. Ich stellte mir vor, wie man als Paar bei einer Feier in solchem Ausmaß sicherlich manchmal Menschen sieht, deren Namen und Familienzugehörigkeit man sich nicht mehr entsinnt. Spätestens wenn aber 3 Weiße ankommen, kann man sich wohl sicher sein - die habe ich ganz bestimmt nicht eingeladen! Dass man Freunde von Freunden zu einer Hochzeit mitbringt, ist hier aber nicht unüblich und auch mit den ca. 300 Personen handelte es sich um eine eher kleine Hochzeit. 


Auch wenn diese, rein finanziell für die Leute im Dorf in dieser Form niemals tragbar wäre, entsprach sie in manchen Punkten nicht dem für uns gewohnten, deutschen Standart. Scheiterte mein zweites Ziel, der Kuchen, doch an der einen Hochzeitstorte, die natürlich nicht für die zahlreichen Gäste reichte. Taktisch unklug hatten wir uns zu weit hinten platziert sodass wir also leer ausgingen. Natürlich kein Problem in dem Sinne, hatten wir doch in unserem Leben mit Sicherheit schon mehr Kuchen gegessen, als jeder der anderen anwesenden Gäste. Dennoch aber interessant, dass das deutsche „Problem“ von zu vielen Resten nach so einem Fest, selbst in der Stadt kein Teil der Realität ist.

 

Anders als Hanna und Eva, die ja Monate lang ihr Projekt vorbereitet haben bin ich mit wenigen Erwartungen hergekommen und wollte vor Ort schauen, wo ich mich am Besten einbringen kann. Die erste Business-Besprechung mit John und Zoe machte mir klar, dass die Foundation wirklich langfristige Ziele  verfolgt und gut strukturiert ist. Neben den aus unserer Sicht Hauptprojekten wie dem Schul- und Englischunterricht für Kinder und der Ausbildung zum Tourguide für den nahegelegenen Akagera-Nationalpark, hat John immer neue Ideen, wie der Community hier geholfen werden kann. So ergab sich also, dass ich mich besonders auf eben jene, bereits von Hanna beschriebene weitere Projekte konzentriere, die dank eurer Spenden möglich werden können und könnten. Im Rahmen des Female Empowerments stellten uns John und Zoe einige Ideen vor, die ich euch nun eben auch präsentieren möchte.

Diese wundervollen TASCHEN werden von Frauen gefertigt. Frauen die Zeit haben, in der sie keiner bezahlten Arbeit nachgehen können, weil sie Zuhause bleiben, um sich um die Kinder, Tiere und den Haushalt zu kümmern. Diese Zeit können sie nutzen um eine kleine Nebeneinkunft zu erwirtschaften. Für Frauen, die keinen Mann haben, vielleicht sogar die Einzige. Das Material der verschiedenen Bananenpflanzenblätter ist ja bereits kostenfrei vorhanden und wenn es nicht für Kunsthandwerk genutzt wird, ist es normalerweise nur Abfall. Stoff für die Innentaschen und Reißverschlüsse sind preiswert, es geht also hauptsächlich um eine Finanzierung des 3monatigen Kurses, um die verschiedenen Techniken und Taschenvariationen kennen zu lernen. Zusätzlich erhalten die Teilnehmerinnen eine Instruktion von einem Finanzexperten um zu lernen, wie sie ihre Projekte am Ende sinnvoll vermarkten können. Umgerechnet beträgt der finale Preis für jede Frau im Kurs ca 73€ (die genauen Kosten findest du nochmal gaaaanz am Ende des Rundbriefs aufgeschlüsselt, falls es dich interessiert.) 


Ein Kurs der das Leben von 15 Frauen verändert, die nicht nur einen wertvollen Skill erlernen, sondern auch in der Lage sind sich finanziell abzusichern. Aber vor Allem lernen die Frauen sowohl stolz auf sich, als auch auf ihre Arbeit zu sein und ihre erlernten Fähigkeiten können sie sogar an ihre eigenen Kinder weiter geben.

Da dieses Projekt sich besonders auf Frauen konzentriert und genau die Werte und Ideen von „Female Empowerment Ruanda“ vertritt unter denen wir auch viele eurer Spendengelder erhielten, haben wir in gemeinsamer Absprache miteinander und auch den Leitern der Foundation einer Unterstützung des gesamten Kurses zugestimmt. Das hat den Vorteil, dass der Kurs voraussichtlich noch während unserer Zeit hier starten kann und wir euch einen Einblick gewähren können in die nachhaltigen, beeindruckenden und wirklich relevanten Projekte, die ihr mit eurer Unterstützung den Menschen hier ermöglicht.

Ein anderes Projekt, was weniger Erklärung bedarf sind NÄHMASCHINEN. Diese kosten 200.000 RWF pro Stück, also knapp 120€. Zu dem Preis der Maschinen kommen nochmal Transportkosten (die Nähmaschinen werden direkt mit dem dazugehörigen Tisch geliefert — ansonsten hätten wir sie bestimmt liebend gern, wie unseren Koffer Udo, auf dem Motortaxi selbst hergebracht) und Kosten für das Training hinzu. 

Es sind nun also 4 Nähmaschinen für die Foundation bestellt. Damit können Trainings für 4 Frauen gleichzeitig angeboten werden und die Frauen können hier ihre Projekte verwirklichen. Hanna und ich mussten uns an unserem Stühlen festhalten, als wir im Büro saßen und sehr gespannt die erste Überweisung tätigten.

 

Update: Da sich die Versendung unseres Newsletters durch verschiedenen Events und Geschehnisse (wie zum Beispiel meiner 2-tägigen Krankheit) etwas hinzog, sind die Nähmaschinen inzwischen auch schon in der Foundation angekommen. Da der Lieferpreis immer höher gehandelt wurde, fuhren Zoe und John mit einem geliehen Auto kurzer Hand selbst nach Kigali um die Nähmaschinen abzuholen. Während ich nun also diesen Newsletter in mühevoller Kleinstarbeit zusammenschnippsel, kümmern sich Katja und Hanna gerade in mühevoller Kleinst- und Großarbeit um den Aufbau der Maschinen, von neugierigen Nachbarskinder und vorfreudigen Frauen begleitet.

Wusstest du, dass eine ZIEGE nur umgerechnet 45€ kostet?? (Je nach Rasse, Alter und Zuchtwert würde man in Deutschland in der Regel zwischen 50 und 400 Euro zahlen.)

Für mich klang es erst wie ein Witz, dass wir tatsächlich überlegen Ziegen zu kaufen. Und die Vorstellung, wie wir dann mit ihnen vom Markt aus bis hier her laufen würden, war vor allem erst einmal eins: ziemlich surreal und unglaublich komisch, hatten wir doch bislang eher mittelmäßig viele Berührungspunkte und entsprechend Erfahrungen mit dieser Form der Investition.

Ja, denn das sind diese Tiere hier tatsächlich. Eine Investition in die Zukunft. Und eine ziemlich nachhaltige noch dazu. Vor allem weibliche Ziegen werden nämlich verschenkt, da sie bereits nach einem halben Jahr ein bis zwei (selten sogar drei) Jungtiere bekommen können und dann immer wieder im halbjährlichen Zyklus. Somit wächst der Wert schneller als selbst mit dem besten Zinssatz auf einer Bank. 

Außerdem sind die Haltungskosten verglichen mit Hühnern, Schweinen oder gar Kühen und auch vor allem der Arbeitsaufwand deutlich geringer, sodass diese Tiere tatsächlich an jede ausgegeben werden können. Die Regierung erfasst in offiziellen Listen regional und bundesweit, in welchem Haushalten der Bedarf am größten ist. Mithilfe dieser Liste möchten wir also gezielt die Frauen mit dem höchsten Bedarf unterstützen. (Es gibt tatsächlich auch genau solche Projekte die ausschließlich Männer fördern).

Der Arbeitsaufwand ist ein nicht zu verachtender Aspekt. Es ist wohl auch schon vorgekommen, dass einer Familie eine Kuh gespendet wurde. Abgesehen davon, dass Kühe nur einmal im Jahr ein Junges bekommen können und auch Geburten oft kompliziert verlaufen, brauchen Kühe ständig frisches grünes Gras und durch ihre drei Vormägen nicht besonders wenig. Gerade in der Trockenzeit ist die Nahrungsbeschaffung mit einem großen Energieeinsatz (den eine hungrige Familie vielleicht nicht aufbringen kann), also eher mit einer Belastung verbunden. Ziegen hingegen fressen alles ;)

Doch Ziegen sind nicht nur durch ihre Reproduktion eine Geldanlage. Als Eva bei einem Frühstück mir trocken erklärte: "Du hast dann halt eine Ziege, die scheißt." musste ich doch nochmal Zoe um eine Erklärung bitten. Der Ziegenkot wird hier "Manure" genannt und ist sehr wichtig als Dünger in der Landwirtschaft. Familien die keine Ziegen besitzen, kaufen eben jenes braune Gold. Im Umkehrschluss sind Ziegen also nicht erst nach 6 Monaten lukrativ sondern direkt mit ihrem ersten Geschäft.

Der Umgang mit dem neuen Wert — und der damit verbundenen Einnahmequelle wird zudem durch die Organisation begleitet, indem sich die Menschen Ziele setzen können und so langfristig selbst Kosten tragen können - wie beispielsweise die Krankenversicherung. (Ihr erinnert euch an die weniger als 3€ pro Person im Jahr?)

 

"Female goats for women" (weibliche Ziegen für Frauen)  — Warum eigentlich nicht? Sie leuchten zwar nachts nicht so schön, wie unsere angedachten Solar-Lampen, können dafür das Leben tatsächlich maßgeblich wandeln. Und uns leuchten selbst ohne Lampen die Vorteile von Ziegen ein.

 

Da hier Zeit auch eher ein Konzept ist und nicht alle Frauen zur gleichen Zeit zum Englischunterricht erscheinen habe ich noch einen kleinen Bastelworkshop zum Perlenarmbänder fertigen angeboten. Nach der nächsten Englischstunde standen dann 14 junge Frauen vor unserer Tür, die alle nach einem Armband fragten.

 

Ach es gibt noch so viele Spannende Geschichten zu erzählen, aber mir ist bewusst, dass in Deutschland eine andere Uhr tickert als hier.

Hier also nochmal ganz kurz und knapp:

- Der 2. Kurs startet hoffentlich bald 

- Der Englischkurs endet in der gewohnten Form, wird aber mit einem anderen zusammengelegt

-  Folgende Projekte haben wir weiterhin anvisiert bzw. sind bereits in der Umsetzung: 

      - Nähmaschinen & Nähkurse (Weiterbildung und mögliche Einnahmequelle)

      - Taschenkurs (Lehrgang für regionale Handarbeit)

      - Ziegen (nachhaltige Wertanlage und Dünger)

      - Trommel- und Tanzgruppe (Gleichberechtigung, Innere Heilung und Einnahmequelle)

für die Frauen vor Ort. Nähmaschinen und Taschenkurs sind bereits finanziert. Den Umfang der anderen Projekte könnt ihr wieder mit gestalten. Gern könnt ihr weiterhin mit dem Betreff "Spende Female Empowerment Ruanda" spenden, solltet ihr aber speziell für die Ziegen spenden wollen (eine bekommen wir für ca. 45€), schreibt gern "Spende Female Empowerment Ruanda Ziege" in den Betreff, dann erwartet euch nämlich als bald eine klitzekleine Überaschung von Katja. (Keine Sorge, kein Ziegenkot, Katja bereitet es ja vor, nicht ich.)

 

IBAN: DE38 1001 7997 2094 9368 36

So verabschieden wir uns nun wieder von unseren treuen Leserinnen und Lesern (bzw. Bilderanguckern) und sind dieses Mal natürlich besonders gespannt, was ihr von all den dazugekommenen Projekt-Teilen haltet!

 

Fühlt euch gegrüßt und wenn ihr wollt geküsst von euren staubigen Reisemäusen.

 

Muraveho, Hanna, Katja und Eva!

 


Ach ja, und eine neue Zimmerdeko haben wir auch noch…

 

Um hier nun noch die genauen Zahlen zum Taschen-Kurs zu präsentieren: Das Training kostet 15.000 Ruanda-Franc (RWF) pro Tag, mal 22 Arbeitstage im Monat, mal 3 für die Gesamtdauer des Kurses sind 990.000 RWF. Dazu die Bezahlung des Finanzexperten für 2 Tage  (insgesamt 200.000 RWF) und Material Kosten für den gesamten Kurs von ca. 690.000 RWF. Die Rechnung ergibt 1.880.000 RWF, umgerechnet sind das je nach tagesaktuellem Wechselkurs etwa 1100 €. Ja, ein beachtlicher Betrag, aber wenn bedacht wird, dass dieser Kurs das Leben von 15 Frauen verändert, die nicht nur einen wertvollen Skill erlernen sondern auch in der Lage sind sich finanziell abzusichern, etwas produktives mit ihrer Zeit tun zu können. Aber vor Allem lernen die Frauen sowohl stolz auf sich als auch auf ihre Arbeit zu sein und ihre erlernten Fähigkeiten können sie sogar an ihre eigenen Kinder weiter geben. Zusätzlich werden ja auch lokale Lehrer und Finanzexperten unterstützt.